27. Juli 2017
4. Av 5777

 

Buchempfehlung

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G'ttesdienste in der Sommerzeit

Erew Schabbat: 19.00 Uhr
Schabbat Morgen: 9.30 Uhr

Rabbiner Jonah Sievers

 

Liebe Beterinnen und Beter,

wieder ist ein Jahr vergangen und wir stehen abermals vor einem neuen ungewissen Jahr. Aber Rosch HaSchana ist ja nicht nur einfach ein Datum, an dem wir ein Jahr weiter zählen, sondern dieser Tag hat, zusammen mit Jom Kippur zehn Tage später, für uns auch eine besondere religiöse Dimension. Es sind die Jamim Noraim, die schrecklichen, ehrfurchtsvollen Tage. Wie in jedem Jahr sind wir dazu aufgerufen, unser Verhalten im vergangenen Jahr zu untersuchen: ob wir gesündigt, ob wir Dinge falsch gemacht haben und daraus die Konsequenz zu ziehen und Teschuwa zu machen, d. h. zu G’tt und zu uns zurückkehren.

In den Gebeten vergleichen wir oft die Situation zu Rosch HaSchana mit der einer Gerichtsverhandlung. Der Ewige sitzt zu Gericht über alle Geschöpfe, die an ihm vorüberziehen, um ihr Urteil zu empfangen. Rabbiner David Aaron zeigt einen interessanten Aspekt auf. In einer gewöhnlichen Gerichtsverhandlung, besonders angelsächsischer Prägung, ruft der Richter die Anwesenden, insbesondere natürlich den Beklagten, mit einem kleinen Hammer zu Ordnung.

Zu Rosch HaSchana jedoch ist dies nicht der Fall. Hier ist es nicht der Ewige, der uns zu Gericht ruft, sondern wir sind es selbst, die um das Urteil bitten!
Niemand käme auf die Idee im Gerichtssaal nach vorne zu laufen, den kleinen Hammer in die Hand zu nehmen, und um sein Urteil zu bitten. Nicht so jedoch zu Rosch HaSchana. Wenn im Morgeng’ttesdienst der Schofar geblasen wird und uns die drei verschiedenen Töne zur Teschuwa aufrufen, so machen wir gemäß Rabbiner David Aaron nichts anderes als den Ewigen um unser Urteil zu bitten, ganz gleich wie das Ergebnis ausgehen mag und es ist an uns dieses Urteil anzunehmen.

In unserer Verhandlung halten wir uns einen Spiegel vor Augen. Hierbei müssen wir uns selbst die Fragen beantworten, ob wir alles richtig gemacht haben, richtig gemäß unserer Tradition liberaler Interpretation, richtig gemäß unserer eigenen Maßstäbe. Dies sind bisweilen schwierige und schmerzhafte innere Diskussionen. Daran wird deutlich, dass Teschuwa letztendlich ein Prozess ist, der uns auch zu uns selbst zurückkehren lässt.
Lassen Sie uns also das kommende Rosch HaSchana nutzen, um unser eigenes Verhältnis zu  unseren Mitmenschen, aber auch gegenüber unserer Tradition neu zu bestimmen.

Ich wünsche Ihnen ein schönes, erfolgreiches und gebenschtes Jahr 5777.

Im Einheitsgebetbuch von 1929 finden wir das folgende Gebet:

Allgütiger Vater, allmächtiger Weltenherr!

Betend stehen wir vor dir in dieser Stunde, in der das alte Jahr dahingeht und ein neues Jahr beginnt.

Dankbar preisen wir dich, dass du uns diesen Tag hast schauen lassen. Du hast uns gnädig geführt, uns gehütet und ernährt, hast an jedem Tage dein Schöpfungswerk erneut. Neu an jedem Morgen war deine Gnade, überreich deine Treue.

Was die Zukunft bringt – du allein weißt es. Wir aber wissen, dass wir bei dir geborgen sind. Unsere Seele harrt des Ewigen, er ist unser Beistand und Schild.
Gedenke unser zum Leben. Du hast uns geschaffen, dass wir dich suchen. Unsere Tage zähle, dass lehre uns recht erkennen, dass wir ein weises Herz gewinnen.

Führe du uns, dass wir in Reinheit des Herzens, in Festigkeit des Willens, in demütigem Sinn, in guter Tat vor dir wandeln. Ein reines Herz erschaffe uns, G’tt, und einen festen Sinn erneuere in unserm Innern.

Gib uns Freude an der Arbeit und gib unser Arbeit Erfolg. Die Huld des Ewigen unsres G’ttes walte über uns, das Werk unser Hände festige, dem Werk unserer Hände gib Beistand.

Segne uns und die Unsrigen in allem Tun, segne Israel. Lass G’tteserkenntnis, Recht und Wahrheit, Liebe und Frieden sich immer mehr ausbreiten, dass dein Reich auf Erden begründet werde und alle Welt anbetend dich verehre. Lass das neue Jahr ein segensreiches sein für uns und für ganz Israel.
Amen!