25. November 2017
7. Kislev 5778

 

Buchempfehlung

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G'ttesdienste in der Winterzeit

Erew Schabbat: 18.00 Uhr
Schabbat Morgen: 9.30 Uhr

von Hermann Simon - Ansprache am 9. Dezember 2007

Die Synagoge, in der wir heute zusammengekommen sind, ist 60 Jahre alt, und zwar seit dem 14. September dieses Jahres.
Bevor ich einen Ausflug in die Geschichte dieses G’tteshauses unternehme, möchte ich eine ganz persönliche Bemerkung machen: Es war zu den Hohen Feiertagen 1977. Wieder einmal wurde „meine“ Synagoge, die Rykestraße, renoviert und wir beteten im sogenannten Kulturraum in der Oranienburger Straße. Dem Gemeindevorstand war es gelungen, einen Befähigten zu finden, der den G’ttesdienst leiten und auch predigen konnte. Er kam aus Kanada und amtierte nicht nur zur uneingeschränkten Freude der Beterinnen und Beter. Wie so oft in unseren G’ttesdiensten war für Aufregung gesorgt.
Wenn ich mich richtig erinnere, war der Gast noch nicht zu Rausch Haschonoh anwesend, sondern erst zu Jaum Kippur, wie wir damals in alter Berliner Tradition sagten.
An Kol Nidre begann der Redner seine Predigt mit der Bemerkung: „Ist es nicht ein Wunder? Gestern war ich noch in Montreal und heute bin ich hier in der DDR!“ Postwendend antworte eine Stimme aus dem Publikum in bestem Berliner Dialekt: „Nee, andersrum wär’s ein Wunder!“ Zum ersten und bisher letzten Mal habe ich erlebt, dass die Beter am heiligsten Tag des Jahres gelacht haben, und zwar laut und anhaltend.

Der Beter, der damals so schlagfertig war, ist heute in dieser Synagoge zu Hause. Und das ist ein Wunder. Als ein Wunder empfinde ich es auch, dass ich mich heute zum Jubiläum der Synagoge Pestalozzistraße äußern darf, wenn man einmal von dem Faktum absieht, dass es eigentlich in unserer Gemeinde Berufenere gibt. Hätte man mir das 1977 vorausgesagt, hätte ich es nie und nimmer geglaubt.

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Und es war auch niemand in der Lage, diese gewaltigen Veränderungen, die wir erlebt haben, ja erleben durften, nur im Entferntesten zu ahnen.
Manchmal fühle ich mich an das Goethe-Wort erinnert, dass ich Geschichte erlebt habe und sagen kann, ich bin dabei gewesen.
Um die Geschichte, bei der ich dabei gewesen bin, soll es aber nur bedingt gehen. Denn ich - Jahrgang 1949 - war ja nicht anwesend, als diese Synagoge von einigen Enthusiasten, die sich nicht damit abfinden wollten, dass jüdisches Leben in Berlin für immer vorbei sein sollte, am 14. September 1947 wieder geweiht wurde. Dies erfolgte wenige Stunden vor Erew Rosch HaSchana, dem Neujahrsfest, das in jenem Jahr an diesem Abend begann.