17. November 2019
19. Heshvan 5780

G'ttesdienste

Erew Schabbat: 19.00 Uhr
Schabbat Morgen: 9.30 Uhr

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Ursprünglich war das G’tteshaus, von Ernst Dorn entworfen, kein Bauprojekt der Jüdischen Gemeinde, sondern eine sogenannte Vereinssynagoge. Details dazu können wir dem Ausstellungskatalog „Synagogen in Berlin” entnehmen: „1910 erwarb die Charlottenburger Handelsfrau Betty Sophie Jacobsohn das Gartengelände hinter zwei [hier, H.S.] an der Pestalozzistraße gelegenen Wohnhäusern.“
Betty Jacobsohn „ließ noch im August des gleichen Jahres durch ein Charlottenburger Bauunternehmen die Pläne für eine auf dem Hinterhof zu errichtende Synagoge vorlegen. Der Zugang erfolgte über eine Durchfahrt im Vorderhaus.

Das Baubüro Dorn hatte offenbar keinerlei Erfahrung mit größeren Bauten, Dorn selbst dürfte eher ein biederer Maurermeister gewesen sein. Zumindest reichte ihm die Baupolizei die Pläne zurück, da Maße fehlten, Grund- und Aufriß nicht übereinstimmten und mehrere andere Beanstandungen vorlagen.”

Am Sonntag, dem 19. Mai 1912, ist das neue Haus eingeweiht worden. „Die Synagoge, die Platz für 1000 Personen hat, war nicht nur bis auf den letzten Platz gefüllt, sondern es mussten auch viele sich in den Gängen aufhalten“, informiert uns der „Gemeindebote“, die Beilage zur Allgemeinen Zeitung des Judentums am 24. Mai. 1929 wurde die einstige Privatsynagoge Besitz der Gemeinde, war also eine von 12 bis zum Jahr 1933 ganz normal funktionierenden Gemeindesynagogen.
Nichts ist schwieriger für den Historiker als das Alltägliche nachzuzeichnen. Hier ging alles seinen jeckischen Gang: Menschen erhielten ihre Bar- und wohl auch ihre Bat-Mitzwa, Brautpaare wurden getraut, regelmäßig gab es G’ttesdienste.
Das Leben dieser (damals orthodoxen) Synagoge verlief in seinen geordneten, normalen Bahnen, sowohl in der Haupt- als auch in der kleinen Wochentagssynagoge auf der Südseite, „die mit einer halben Apsis aus der Gebäudefront vorspringt“.
Berlins bestbesuchte Synagoge soll dieses G’tteshaus einstmals gewesen sein. Solange, bis mit dem Jahr 1933 alles anders wurde. Wir wissen, was geschah.
Eine Entwicklung nahm mit dem 30. Januar 1933 ihren Lauf, die im November 1938 in gewisser Weise kulminierte, vorerst.
Auch dieses G’tteshaus blieb nicht verschont. In den Quellen der Zeit ist davon die Rede, „dass ein großer Brand und eine Gefährdung der Nachbargrundstücke vermieden worden ist“, und zwar durch „rechtzeitiges, schnelles Eingreifen der Feuerwehr“.
Immer dann, wenn Nachbargebäude gefährdet waren, griff die Feuerwehr bekanntlich ein, sonst nicht.
Dass das „Jüdische Nachrichtenblatt“, die einzig noch zugelassene jüdische Presse zu der Zeit, dies in Form einer Camouflage schilderte, sei hier am Rande vermerkt.

Die Synagoge Pestalozzistraße wurde, im Gegensatz zu anderen Berliner Synagogen, wie z. B. zur Rykestraße oder zur Neuen Synagoge in der Oranienburger Straße, nicht zu Pessach 1939 wieder in Betrieb genommen. Sie blieb nach dem November-pogrom geschlossen.

Die Gebäude Pestalozzistraße 14/15 mussten am 9. Dezember 1942 – die „Kaufverhandlungen“ begannen am 9. Juli – an die Stadt Berlin verkauft werden.
Von „Synagoge“ ist in den überkommenen Unterlagen kaum noch die Rede. Stattdessen finden wir die ach so großzügige Erlaubnis der „Aufsichtsbehörde“, dass die Gemeinde, die sich seit Frühjahr 1941 Kultusvereinigung nennen musste, folgende Institutionen ab dem 1. Januar 1943 ein weiteres Jahr nutzen könne: eine 110 m2 große „Gemeinschaftsküche“ (Pestalozzistraße 14, Parterre), zwei Kleiderkammern (ebendort) und eine „Zentralwäscherei“ mit 150 m2 Nutzfläche, die im Synagogen-gebäude untergebracht war.