17. November 2019
19. Heshvan 5780

G'ttesdienste

Erew Schabbat: 19.00 Uhr
Schabbat Morgen: 9.30 Uhr

Buchempfehlung

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Kleiderkammer und Gemeinschaftsküche wurden auf Druck zum 15. Mai 1943 ge-räumt; auch die Wäscherei musste ausziehen.
Am 1. Mai 1943 notiert der Gemeindevorsitzende Moritz Henschel: „Den jüdischen Mietern und Untermietern auf dem Grundstück sollen nach Weisung der Aufsichtsbehörde möglichst bald andere Wohnräume zugewiesen werden.”
Es bedarf wohl wenig Phantasie, um sich vorzustellen, was mit diesen Menschen geschah und welche Tragödien sich beispielsweise hinter folgenden Familiennamen verbergen: Georg Hermann, Benno Itzig, Max Keil und Jacob Schmul (alle Pestalozzistraße 14) oder Paul Landsberg, Alfred Reisner, Leopold Levy und Else Wolfsohn (alle Pestalozzistraße 15).
Wieder muss man von Wunder sprechen – und insbesondere in der Chanukka-Zeit sei es gestattet – , dass sich an diesem Ort nach der Befreiung jüdische Menschen zusammengefunden haben.
Bereits im Spätsommer 1945 hat wohl hier ein erster G’ttesdienst stattgefunden. Die Synagoge – wieder ein Haus des Gebets und der Versammlung – bildete unmittelbar nach dem 8. Mai 1945 einen der Mittelpunkte zaghaft entstehenden jüdischen Lebens.

180_schwarzschild Das Synagogengebäude war baulich in schlechtem Zustand. Eine erste Renovierung – weitere sollten in den 60er Jahren, 1974 und 1986 folgen – erfolgte 1947.
Dass es dann zu der bereits erwähnten Einweihung vor 60 Jahren gekommen ist, haben wir vornehmlich den Vorständen dieser Synagoge, Fritz Sachs und Alexander Rothholz, zu verdanken. Sicher war es schwierig, Geld und Material dafür aufzutreiben. Die Kosten beziffert Rothholz 15 Jahre später auf 150 bis 170.000 Reichsmark.
Damals, 1947, wurde die einst orthodoxe Synagoge mit einer Orgel ausgestattet; liberaler Ritus zog ein und hat sich bis heute gehalten.
Einen ausführlichen Bericht über die Einweihung am 14. September 1947 finden wir in der Zeitschrift „Der Weg“, die bereits in ihrer ersten Nummer vom 1. März 1946 auf den G’ttesdienst des nächsten Tages hingewiesen hatte. Sie veröffentlicht nun über die Einweihung einen Bericht, der eine Drittelseite einnimmt. Er ist recht kurz, aber die besondere Stimmung, die damals geherrscht hat, teilt sich mit.
Prediger Martin Riesenburger – ich wurde bei ihm am 28. April 1962 in der Rykestraße Bar-Mitzwa – entzündete die Ewige Lampe. „Kantor Estrongo Nachama brachte das ‚Schehechejonu’ zu Gehör.”
Haben wir es nicht eben erst gebetet, als wir Erew Chanukka das erste Licht zündeten!?
„Gelobt seist Du, Ewiger unser Gott, König der Welt, der uns am Leben erhalten, uns hat dauern und diese Zeit erleben lassen.“

Bereits damals schon begegnen wir also einem Namen, der ein Leben lang mit diesem G’tteshaus verbunden sein wird. Fast jeder in dieser Stadt kennt ihn. Es ist Estrongo Nachama.

180_vertrag_nachama Zum 15. Mai 1947 wurde er ausweislich der im Centrum Judaicum vorhandenen Akten rückwirkend als Kantor eingestellt, und zwar nachdem der Vorstand der Synagoge Pestalozzistraße (Sachs und Rothholz) am 1. Juni dem Kultusdezernat der Gemeinde mitgeteilt hatte, dass Estrongo Nachama dort – also hier – als Kantor amtiere.
Wer immer den Versuch unternehmen wird, die Geschichte der Synagoge Pestalozzistraße nachzuzeichnen, wird bei diesem Namen verweilen müssen, weil er, dieser begnadete Sänger, in gewisser Weise pars pro toto für die Geschichte dieser Synagoge nach dem Jahr 1945 steht. Sein Gesang, sein Amtieren war stets geprägt von Kawana, wie man auf Hebräisch sagt, eine heilige Handlung.