27. Juli 2017
4. Av 5777

 

Buchempfehlung

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G'ttesdienste in der Sommerzeit

Erew Schabbat: 19.00 Uhr
Schabbat Morgen: 9.30 Uhr

von Regina Yantian

Die Tradition der Liturgie der Synagoge Pestalozzistraße geht auf Louis Lewandowski (1821–1894) zurück. Der „Mendelssohn der Synagogalmusik“ schuf den jüdischen G’ttesdienst für Kantor, Chor und Orgel, der im deutschen Sprachraum und in vielen „Diasporagemeinden“ Europas und der Neuen Welt bis in die 30er Jahre des 20. Jahrhunderts im liberalen deutschen Judentum verbreitet war. Die Neue Synagoge in der Oranienburger Straße war das „Flaggschiff“ dieser musikalischen Ausdrucksform.
Die Synagoge Pestalozzistraße hat es sich seit Wiederaufnahme von G’ttesdiensten im Jahre 1947 zur Aufgabe gemacht, diese so einzigartige Tradition der Neuen Synagoge nach deren Zerstörung zu erhalten. Obwohl es überall auf der Welt von deutschen Juden gegründete Synagogen gibt, die „ihre” Tradition mit Chorgesang und Orgel haben, so pflegen wir ein Erbe, das direkt an deren Ursprünge anknüpft.
Lange bevor im 19. Jh. die Orgel als Instrument in deutschen Synagogen eingeführt wurde, war sie an anderen Orten Europas bereits in einigen jüdischen Ge-meinden in Gebrauch, wie z. B. im 17. Jh. in Prag, wo das Lecha Dodi als Schabbateinstimmung mit Orgelbegleitung gesungen wurde.
Zu Beginn des 19. Jh. gab es Orgelbauten in Seesen, Mainz, Frankfurt und Hamburg. Zu der Zeit galt jedoch die Orgelbenutzung im jüdischen G’ttesdienst noch als radikal.
1845 wandelte sich die Stimmung: Die deutsche Rabbinerversammlung votierte „für die Zulässigkeit der Orgel in der Synagoge“. Dieses Votum bewirkte innerhalb von drei Jahrzehnten einen Bauboom, der dazu führte, dass im Deutschen Kaiser-reich um 1900 etwa 130 Orgeln in Synagogen zu finden waren.
Höhepunkt war 1866 der Bau der Orgel in der Neuen Synagoge in der Oranienburger Straße: die drittgrößte Orgel Berlins, mit 61 Registern ausgestattet, stand tatsächlich in einem jüdischen G’tteshaus. 1910 wurde sie durch eine doppelt so große ersetzt, die mit 91 Registern wiederum die drittgrößte Berlins und die größte Synagogenorgel der Welt war.
Von zentraler Bedeutung für die Rolle der Orgel in jüdischen G’tteshäusern war die Berufung Lewandowskis zum Chordirektor der Synagoge Oranienburger Straße.
Lewandowski hatte nach einem Kompositionsstudium an der Berliner Akademie der Künste in den vorangehenden Jahrzehnten bereits den gesamten G’ttesdienst für Kantor und Chor durchkomponiert und größtenteils mit Orgelbegleitung versehen. Mit der Einführung des Chores wollte er den „ungeordneten Gemeindegesang", in dem jeder Beter sein eigenes Tempo mit eigenen Melodien sang, in eine geordnete Struktur bringen und die Gemeinde zum Mitsingen mit dem Chor animieren. Die Orgel sollte dieses Vorhaben unterstützen.