24. September 2017
4. Tishri 5778

 

Buchempfehlung

buch_coverr

G'ttesdienste in der Sommerzeit

Erew Schabbat: 19.00 Uhr
Schabbat Morgen: 9.30 Uhr

von Laszlo Pasztor

Anfang der 70er Jahre, ich war damals Kantor in Schweden, sagte zu mir Leo Pincus, ein gebürtiger Berliner: „Herr Pasztor, Sie werden sicher einmal Kantor in Berlin, in der Synagoge Pestalozzistraße.“ „Wieso?“, fragte ich und Pincus antwortete: „Weil Sie die Tradition des liberalen Judentums in Ihrem Herzen haben!“
In Göteborg kam ich in den glücklichen Besitz eines handgeschriebenen Buches von Kantor Martin Schachtel, der dort 40 Jahre lang bis 1940 Kantor war und ausschließlich mit Lewandowski-Melodien vorbetete. In seinem Buch über die Hohen Feiertage ist jedes Wort mit Noten versehen – Lewandowski pur!

 

Die Tradition, in der Schachtel stand, nahm um 1840 ihren Anfang in Wien. Es war eine echte Novität, dass der Kantor nun nicht mehr allein vorbetete, sondern von Chor und Orgel begleitet wurde. Der Kantor musste sich daher intensiv mit dem Orgelspiel und der Leitung des Chores auseinandersetzen, was traditionelle Vorbeter vorher nie hatten tun müssen. Die großen Namen der synagogalen Musik des liberalen Judentums im 19. Jh. waren Sulzer (Wien), Deutsch (Breslau), Naumburg (Paris), Baer (Göteborg), Heyman (Amsterdam) und Lewandowski (Berlin). 180_lewandowskiBerlin war mit der Neuen Synagoge das Zentrum dieser Bewegung.
Meine Ausbildung begann in den 60er Jahren beim vormaligen Berliner und Danziger Kantor Prof. Sigmund Torday. Besonders stolz war ich, als er mich zu seinem Lieblingsschüler erklärte und sagte: „Ich bilde Dich nicht nur für Ungarn aus, gehe hinaus in die Welt und hab’ Erfolg in der Ferne!“ Das klang damals, hinter dem Eisernen Vorhang, völlig unrealistisch, aber für mich wurde es wahr. In Österreich, Schweden, Holland, Deutschland und in Ungarn hatte ich Kantorenstellen inne, aber gesungen, Konzerte gegeben habe ich überall in der Welt.
1987 fing ich in Berlin an. In der Pestalozzistraße Kantor zu sein ist nicht irgendeine Position. Durch Estrongo Nachama und Harry Foss sel. A. wurde sie zu einer echten Lewandowski-Synagoge. Hier fand ich meine letzte und wichtigste Stelle. Diese Synagoge ist dank der Zusammenarbeit mit meinen Kollegen Sheffer, Zkorenblut, den Organisten Yantian und Iranyi und dem Chor weiterhin weltbekannt. Mit dem klassischen Lewandowski-G’ttesdienst repräsentiert sie das liberale Judentum, wie es seinen Anfang in der Neuen Synagoge genommen hat.
Ich hoffe, die Jüdische Gemeinde zu Berlin wird mit ihrer gesunden Vielseitigkeit allen Betern, orthodoxen wie liberalen, das Bewusstsein vermitteln, dass wir alle gemeinsame Wurzeln haben, die auf die Worte Haschems vom Sinai zurückgehen: Amen, ken jehi ratzon!